Die Geschichte der Vogelstange

Ein Schützenfest ohne Vogelschießen - einfach undenkbar! Da der Festplatz des Schützenvereins Berleburg hoch oben im Burgfeld liegt, wird seit Beginn an auf einem Hochstand geschossen. In der Mitte des Schützenplatzes neben dem Musikpavillon war der Schießstand angeordnet. Damit wurde signalisiert: Das Vogelschießen ist das herausragende Ereignis des Schützenfestes.

Das Umlegen und Aufrichten der Vogelstange war eine aufregende Geschichte, solange die Anlage betrieben wurde. Über eine Lenkrolle im Fuß der Halterung wurde ein Tau später ein Drahtseil gezogen und in halber Höhe mit der Vogelstange verbunden. Mit Leitern und Stangen hantierten die Schützen, bis später Menschen-, Pferde- und später Maschinenkraft das vollständige Aufrichten mittels Seil und Lenkrolle übernahmen. 

Die Vogelstange war schon immer in den alten Wittgensteiner Farben Blau und Gelb gestrichen. 1872 zerbrach die Stange und blieb zwei Jahre lang ohne Anstrich. Dies führte zu einem Antrag des Vereins an den Magistrat der Stadt: Zwar habe man Verständnis, dass die Stange im Jahr des Zerbrechens nicht gestrichen worden sei, doch nunmehr sollte dies bis zum Schützenfest 1874 nachgeholt werden.

Bis zum Jahr 1875 wurde neben dem Vogel nur noch der Geck geschossen. Wahrscheinlich weil die Präparation der Gewehre ungeheuer zeitaufwändig war. 1838 knallten die Gewehre mit Feuersteinschloss. Später waren es Zündnadelgewehre, die der legendäre Christian Schnell schießfertig machte. Erst ab 1876 gab es ein Preisschießen auf Krone, Zepter und Reichsapfel. Im Jahr 1913 wurden fünf Preise ausgeschossen, 2004 waren es mehr als 20. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Vogelschießen ohne großkalibrige Waffen durchgeführt. Auf einer Behelfsstange neben dem Wirtschaftszelt saß 1949 ein Mini-Vogel, der mit der Armbrust geschossen wurde. Im Jahr 1950 wurde dem Vogel auf der normalen Vogelstange eine Sprengladung einverleibt, um ihn mit Luftgewehren den Garaus zu machen. Im folgenden Jahr wurde der Vogel wieder mit Karabinern geschossen.

Im Jahr 1967 stellten die Schützen fest, dass die Halterung der alten Vogelstange nicht mehr brauchbar war. Ein Kugelfang erschien dem Sachverständigen nicht erforderlich - in Anbetracht des unbebauten Hinterlands. Die Lösung war eine Vogelstange aus Eisen, an deren Rückseite der Aufsatz mit dem Vogel und den Querstangen für Preise und Geck auf einem Schlitten per Seilwinde hochgezogen wird. Die neue Vogelstange stand zwischen Langenbachs- und Kassenzelt. Da nur aus Sicherheitsgründen ein begrenzter Raum auf dem Schützenplatz abgesperrt werden musste, verdoppelte sich durch den neuen Standort die Zuschauerkapazität. Mit der Inbetriebnahme der neuen Vogelstange hielt eine neue Waffe Einzug. Anstelle der Karabiner mit Teilmantelgeschossen wurden Flinten Kaliber 16 (ohne gezogenen Lauf) zunächst probeweise und ab 1970 vollständig verwendet. Durch die geringere Auftreff-Energie der Geschosse wurde die Sicherheit erheblich erhöht. Durch das neue Waffengesetz änderte sich 1972 die Situation. Die Attraktion des Berleburger Schützenfestes, das Vogelschießen ohne Kugelfang, blieb aber nach neuerlichem Gutachten erhalten. Mit der Begründung, es handele sich um eine offene ungesicherte Anlage in nicht besiedeltem Gebiet.

Bei einer Regelüberprüfung am 27. Oktober 1993 wurde festgestellt, dass der Vogelschießstand als ortsfeste offene Anlage (Hochstand) in besiedeltem Gebiet liege und über keinen Geschossfangkasten verfüge. Es wurde angeordnet, die Anlage sofort stillzulegen. Der Anfang vom Ende? Ja und nein. Der Verein wehrte sich. Das Verwaltungsgericht Arnsberg stoppte die behördlichen Stilllegungspläne.

Am Ende eines schwierigen Weges schlossen die Bezirksregierung in Arnsberg, bei der die Angelegenheit schließlich gelandet war, und der Verein im Jahr 1997 einen Kompromiss. Danach wurde dem Verein gestattet, die vorhandene Vogelschießanlage bis zum 31. Dezember 2004 zu betreiben. Ab 2005 muss eine Schießanlage mit Geschossfang errichtet sein.

Der Kompromiss versetzte den Verein in die Lage, langfristig zu planen. Favorisiert wurde eine so genannte "Berleburger Lösung". Viele gut gemeinte Vorschläge waren nicht umzusetzen, weil das bestehende Schießstandrecht derartige Lösungen einfach nicht vorsah. Die Blicke konzentrierten sich auf Schießstände im benachbarten Sauerland. Der Vogelschießstand der Schützenbruderschaft St. Michael Olsberg kam für einen Nachbau in Bad Berleburg in Betracht, wenn auch mit einigen Änderungen hinsichtlich Größe und Technik. Dank der Unterstützung der Olsberger Schützenbrüder, die alle notwendigen Unterlagen zur Verfügung stellten, nahm das Projekt schnell Gestalt an. Der stellvertretende Vereinsvorsitzende Dirk Pöppel hat das Projekt geleitet und alle Probleme bestens gemeistert. 

Letztmals sah Berleburgs Schützenfamilie im Jahre 2004 ein Vogelschießen ohne Kugelfanganlage. Der letzte Schützenkönig dieser Ära wurde Uwe Rompel. Kurz darauf wurde die alte Anlage demontiert und die neue Anlage mit einer Gesamthöhe von 17,50 Meter errichtet. An einem Stahl-Vierkantrohr wird ein etwa 1,3 Tonnen schwerer, und 2,50 x 2,50 Meter großer Kugelfangkasten elektromotorisch in die Höhe gezogen – ganz anders als vorher, als das Vogelzielgestell noch mit einer Handkurbel schweißtreibend im Risikobereich stehend bewegt werden musste.

Der Standort wurde gegenüber der alten Vogelstange um wenige Meter versetzt, und die Schießrichtung wurde um 30 Grad in den Platz hineingedreht. Damit war sichergestellt, dass der Kugelfang von jeder Stelle des Schützenplatzes einsehbar blieb. Ein zusätzlicher innerer und äußerer Zaun stellt zudem seit dieser Zeit die Abstandsauflagen sicher.

Die Montage der Anlage und auch die ersten Probeläufe wurden von Vereinsmitgliedern und der Öffentlichkeit interessiert verfolgt. Die polizeibehördliche Abnahme wurde ergänzend durch einen Sachverständigen erfolgreich begleitet. Nach wenigen Nachbesserungen wurde die Betriebsgenehmigung für die neue Anlage erteilt.

Der erste Berleburger Schützenkönig an der neuen Kugelfanganlage wurde in folgenden Jahr 2005 Rüdiger Schlaf. Der erfahrene Schütze lobte die Anlage nach einem sehr spannenden Zweikampf und meinte, es sei auch mit dem Kugelfang ein schönes Vogelschießen gewesen.

Trotz allem, 166 Jahre hat der Schützenverein Berleburg ohne Geschossfang schießen können. Viele spektakuläre Vogelschießen sind unfallfrei vonstatten gegangen. Doch der Verein richtete den Blick wieder einmal nach vorn und verwirklichte die "Berleburger Lösung". Die Zuschauer behielten fast gleiche Einsichtsmöglichkeiten, der zeitliche Aufwand für Absperrungen und Kontrollen wurde deutlich reduziert, und die Sicherheit entsprach mit der neuen Anlage fortan den jeweils aktuellen behördlichen Ansprüchen.

Nach Jahren des erfolgreichen und unfallfreien Betriebs der Anlage mit einem Kugelfang haben sich die damaligen Wogen geglättet. Noch immer verläuft das jährliche Berleburger Vogelschießen fast so spannend und spektakulär wie es früher ohne Kugelfang war.

Die hölzerne Stange

Anfang der 1930er Jahre: Vogelstange und Musik-pavillon standen im Mittelpunkt.
Eine spannende Sache: Mit viel Geschick und Muskelkraft wurde die Stange aufgerichtet.
Ein Schritt nach vorn: Die Seilwinde eines Traktors erleichterte die Arbeit.
Majestätischer An- und wohl auch Ausblick: Die Vogelstange im Jubiläunmsjahr 1963.
Letzte idyllische Ansicht: Hoch über dem Platz thront der Vogel.
Ein Haufen Kleinholz: 1967 kommt das Ende der hölzernen Stange.

Die eiserne Stange ohne Kugelfang

Eisenharte Arbeit: Im Jahr 1967 kommt die neue Stange an einen neuen Stadort.
Der Schießstand im Jubiläumsjahr1988 Der Aufsatz wird per Seilwinde hochgezogen
Auf geht's: Der Aufsatz mit Vogel, Geck und Preisen wird in einen Schlitten eingepasst.

Die eiserne Stange mit Kugelfang

Die alte Stange wird demontiert.
Die Lieferung der neuen Stange.
Alter Platz, neue Stange.
Jetzt steht nach harter Arbeit endlich die neue Vogelstange ...
... und ragt 17,50 m in den Himmel.
 
Die neue Vogelstange zum Schützenfest.
Auch mit Kugelfang ein tolles Bild.
Der Blick vom Wirtschaftszelt.
Der Vogel wartet auf seinen König.
Anlässlich des Schützenfestes 2005 erhält der Vogel auch im Kugelfang traditionell das erste Glas Freibier.